Verfasst von: Seemädel | 4. August 2013

Bahn (1) – Kindheitserinnerungen, Eschede und ein Beinahe-Unglück

Für mich war Bahn fahren schon immer normal, weil wir in der Regel mindestens einmal im Jahr vom Bodensee in Mamas Heimatstadt Hamburg gefahren sind. Meine Erinnerungen daran sind vor allem a) Musik hören (wir hatten bis in die Teenagerzeit keinen Walkman oder Discman, von daher war das etwas besonderes) und dass wir immer ein Croissant im Speisewagen bekamen *g*.
In diese Zeit gehört auch noch das Zugunglück von Eschede. Wir waren zu der Zeit gerade in Hamburg, sind auch oft an der Unglücksstelle vorbeigekommen und wollten am Tag vom Zugunglück in einen Ort im Hamburger Umland fahren. Am Bahnhof trugen alle Mitarbeiter einen Trauerflor und die Stimmung war sehr gedrückt, als wir unsere Fahrkarten gekauft haben. Da haben wir von dem Unglück erfahren. Ein paar Tage später sind wir nach Hause gefahren und die Rückfahrt war natürlich recht abenteuerlich – es war ja aus Sicherheitsgründen eine ganze Zuggeneration aus dem Verkehr gezogen worden. Dadurch fuhr nur ein Teil der Züge, der entsprechend voll war und wegen der weiträumigen Umleitung um die Unfallstelle auch nicht allzu pünktlich. Unser Zug fuhr und wir hatten auch Platzkarten, allerdings war dann in Offenburg der Anschluss weg.
Ich war damals 12 und es hat mich schon irgendwie geschockt, besonders halt, weil wir ja gerade ein paar Tage zuvor an der Stelle vorbei gefahren waren. Da kam ein Zugunglück plötzlich ganz „nah“, es hätte genauso gut unseren Zug treffen können.

Einmal in meinem Leben habe ich ein Beinahe-Unglück erlebt, mein Zug wurde zwangsgebremst, weil der Lokführer ein Haltesignal auf einer eingleisigen Strecke übersehen hat. Das hatte ich hier erwähnt. Wir waren gerade in Friedrichshafen-Landratsamt losgefahren, also zum Glück noch nicht sonderlich schnell, als eine Vollbremsung gab. Der Zugführer kam aus seiner Kabine und stürmte ans andere Ende vom Zug und setzte ihn ein Stück zurück. Kurz darauf rauschte der Gegenzug vorbei… und das war ein ziemlich schneller Zug, der dort nicht hält… der Lokführer muss ziemlich unter Schock gewesen sein, von ihm war auch keine brauchbare Auskunft zu bekommen, was überhaupt los ist. Alle standen frierend auf dem Bahnsteig, bis dann per Taxe ein anderer Lokführer kam, der uns zumindest informieren konnte und dann den Zug nach Friedrichshafen Stadt zurückfahren sollte. Aus rechtlichen Gründen aber ohne Fahrgäste – und Friedrichshafen Landratsamt ist weder zentral noch gut angebunden… ich hatte dann Glück, dass kurz darauf ein Zug außerplanmäßig hielt, das brachte aber auch nur den Leuten was, die in die nächsten größeren Orte wollten, weil er nicht überall hielt. Der Zug war extrem voll, weil ihm in Friedrichshafen kurzerhand die Hälfte „geklaut“ worden war (eigentlich 2 Triebwagen in Doppeltraktion, also quasi 4 Waggons). Diesen Triebwagen brauchten sie nämlich offenbar als Ersatz für den zwangsgebremsten Zug, der erstmal überprüft werden musste, bevor er wieder fahren durfte…
Seitdem weiß ich aber, dass die Sicherungstechnik funktioniert ;-). Wobei es schon gut war, dass wir gerade erst angefahren waren, sonst hätte es sicher ein paar Verletzte im Zug gegeben (auch wenn das sicher immer noch besser als ein Zusammenstoß gewesen wäre). Aber es ist schon heftig, was für Kräfte auch bei langsamen Geschwindigkeiten wirken – ich bin mal in einem Bus vom mittleren Sitz hinten waagerecht geflogen, bis ich gegen jemanden geknallt bin, der im Gang stand. Bei ca. 40 km/h!
Nach diesem Tag war ich dann doch sehr dankbar, gesund und munter daheim anzukommen.

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Responses

  1. Und ich habe genau einen Tag vorher auf dem Rückweg eines Mutter-Tochter-Wochenendes in dem ICE gesessen, der am Tag darauf in Eschede verunglückte… Als 3. oder 4.-Klässlerin auch ein prägendes Ereignis im Nachhinein.

  2. Das sind aber auch Situationen, die ziemlich lang nachwirken. Du warst zum Glück nicht mittendrin, aber gefühlt doch recht nahe dabei. Man-o-man, das hätte echt ins Auge gehen können.

    1998, als das Zugunglück in Eschede geschah, arbeitete ich noch beim Radio. Die Kollegen, die vor Ort waren und dann nach Stunden, teilweise erst Tagen zurück kamen, waren allesamt stumm und kalk Weiß. Ein Kollege (mein Exfreund) erzählte mir einiges von dem Unfall und sagte zum Schluss „Das sind Bilder, die ich für den Rest meines Lebens nie wieder vergessen werde!“. Man kann immer nur froh und dankbar sein, wenn einem sowas erspart bleibt!

    • Ich glaube, das vergisst keiner, der damit zu tun hatte, ob jetzt Fahrgast/ Zugpersonal, Anwohner, Einsatzkraft oder Journalist. Das war einfach zu heftig :-(.


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